Offener Brief: Fortsetzung und Verbesserung des Fernunterrichts bei teilweiser Öffnung der Schulen

Sehr geehrter Herr Kultusminister Piazolo,

der Bayerische Elternverband bedankt sich für das offene Ohr und das zügige Eingehen Ihres Hauses auf die in unserem Offenen Brief vom 12. April 2020 übermittelten Forderungen. Dies gilt auch für unsere etwas später geäußerte Forderung, den Schülerinnen und Schülern zuhause schuleigene Tablets und Laptops zur Verfügung zu stellen.

Mit der Rückkehr der Abschlussklassen in die Schulen und der Aussicht, letztere nach und nach wieder für alle Klassen zu öffnen, stellen sich neue Probleme dar. Wir sehen uns äußerst divergenten Sichtweisen von Eltern gegenüber. Während ein Teil am liebsten alle Kinder morgen wieder in die Schule schicken würde, sorgt sich ein anderer stark um die weitere Verbreitung des Virus und um die eigene Gesundheit. Mit den folgenden Gedanken und Forderungen versuchen wir hier, beiden Seiten gerecht zu werden.

Dienstpflicht der Lehrkräfte

Während ein Gutteil der Lehrkräfte Großartiges leistet, um den Unterricht bestmöglich durchzuführen, hat ein anderer Teil die drei Wochen vor den Osterferien als Urlaub verstanden, und postet jetzt stolz das renovierte Badezimmer und den neu angelegten Garten. Ihre Aufgaben wurden derweil zum Gutteil von Eltern übernommen.

Dass Ihre stetigen Bitten und „Kann-Informationen“ an Schulleitungen und Lehrkräfte weniger Unmut auslösen als glasklare Ansagen, versteht sich von selbst. Keine Scheu vor ablehnenden Reaktionen hat dagegen das Wissenschaftsministerium. Hier liest sich das so:

„… In diesem Rahmen hat aber jede zur Lehre verpflichtete Person, sei sie verbeamtet oder angestellt, die Pflicht, an der Erfüllung der ihrer Hochschule obliegenden Aufgabe zur akademischen Ausbildung der Studentinnen und Studenten konstruktiv mitzuwirken. Das Staatsministerium geht davon aus, dass sich die bayerischen Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer in dieser gesamtgesellschaftlichen Notlage ihrem Amt bzw. ihrem Vertrag entsprechend verhalten. Sollten sich Einzelne dieser Pflicht verweigern, so sehe ich dies als eine gravierende Verletzung der dienstlichen oder der vertraglichen Pflichten an.“ (Quelle: Schreiben des StMWK vom 31. März 2020 an die PräsidentInnen der bayerischen Hochschulen: Dienstpflichten bzw. vertragliche Pflichten des bayerischen Lehrpersonals; hier: Mitwirkung an Online-Angeboten)

Der BEV fordert,

-    Lehrkräfte ebenso unmissverständlich wie das „Schwesterministerium“ auf ihre Dienstpflichten hinzuweisen, sowie darauf, dass diese sich lediglich auf Medien verlagert haben. Diese Pflichten sind insbesondere: Echter Unterricht mit Präsenz über verschiedene Medien, Korrekturen, regelmäßige Rückmeldungen über die erledigten Aufgaben, persönliche Verfügbarkeit zur üblichen Dienstzeit (telefonisch oder per Videokonferenz mindestens einmal wöchentlich, bei GrS und FöS öfter).

Hygienekonzept

Der BEV fordert:

-    Das schulspezifische Hygienekonzept wird im Auftrag des Gesundheitsamtes von Gesundheitsfachkräften überprüft und genehmigt. Ohne diese Genehmigung findet kein Schulbetrieb statt.

-    Die Einhaltung des Hygienekonzepts wird regelmäßig durch Gesundheitsfachkräfte überprüft.

-    Um Vertrauen zu schaffen, wird dieses Konzept allen Eltern niederschwellig zugänglich gemacht.

Abschlussklassen

Der BEV fordert:

-    Wo für die Aufteilung der Klassen nicht genügend Räume vorhanden sind (z. B. FOS und BOS mit nur zwei Jahrgängen), werden die geteilten Klassen auf andere, derzeit nicht genutzte öffentliche Gebäude verteilt, z. B. auf benachbarte Schulgebäude.

-    Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse des Gymnasiums, die mit dem Realschulabschluss abgehen, aber hierfür keine eigene Prüfung zu absolvieren haben, bekommen Möglichkeiten zur Verbesserung ihres Realschulabschlusses. Dies kann z. B. in freiwilligen mündlichen Prüfungen via Internet bestehen.

-    Dasselbe gilt für Absolventinnen und Absolventen der 9. Klassen an den Realschulen, die mit einem Qualifizierenden Mittelschulabschluss abgehen.

-    Als Alternative zum Präsenzunterricht von Schülerinnen und Schülern, die hieran nicht teilnehmen können, wird ihnen hochwertiger Unterricht über digitale Medien angeboten. Unverzichtbar sind hierbei eine vertraute Lehrkraft und die Möglichkeit zum direkten persönlichem Gespräch.

Umgang mit Risikopersonen im Präsenzunterricht

Auch Eltern und Haushaltsangehörige von Schülerinnen und Schülern können mit besonderen Vorerkrankungen oder gesundheitlichen Risiken behaftet sein. Neben Lehrkräften und den Schülerinnen und Schülern selbst, gilt es auch sie zu schützen.

Der BEV fordert:

-    Schülerinnen und Schüler, die mit Risikopersonen in der häuslichen Gemeinschaft leben, werden durch ein ärztliches Attest vom Präsenzunterricht freigestellt. Dabei werden die Attestregelungen angewandt, die im KMS vom 21. April 2020 „Personaleinsatz für die sukzessive Wiederaufnahme des Schulbetriebes“ für Lehrkräfte beschrieben werden.

Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts

Der Bayerische Elternverband vertritt die Ansicht, dass in Hinblick auf den schulischen Erfolg kein Druck besteht, den Präsenzunterricht früh wieder aufzunehmen, denn die Inhalte des Lehrplans können verschoben und der Onlineunterricht verbessert werden. Letzterer scheint sich auch allmählich einzuspielen. Die gesundheitlichen Risiken einer möglicherweise verfrühten Öffnung der Schulen halten wir dagegen für hoch. Das gravierendste aller Probleme ist allerdings derzeit die soziale Vereinsamung der Kinder und Jugendlichen.

Der BEV fordert:

-    Vor den Sommerferien findet, außer in Abschlussklassen, kein Präsenzunterricht mehr statt, auch nicht für die vierten Klassen. Letztere werden durch einen verbesserten Unterricht aus der Ferne beschult, auch mit gemeinschaftlichen Projekten, in Anlehnung an diejenigen, die auch sonst zum Schuljahresende hin stattfinden.

-    Für alle anderen Klassen läuft der Pflichtunterricht über digitale Medien in verbesserter Form weiter. Dabei ist insbesondere ein intensiver persönlicher Kontakt mit der Lehrkraft wichtig.

-    Darüber hinaus plädieren wir für freiwillige Angebote, die nicht dem Lernen, sondern vor allem der Pflege der sozialen Kontakte dienen. Eventuell auch zusammen mit außerschulischen Partnern werden Treffen in kleinen Gruppen organisiert, sodass die Schülerinnen und Schüler wenigstens ein- oder zweimal in der Woche Kontakt untereinander haben können. Insbesondere Gruppen für geeignete Sportarten sowie Unternehmungen und Spiele in der Natur bieten sich hier an.

-    Im Falle von angeordnetem Präsenzunterricht wird im Sinne der eigenverantwortlichen Schule weiterer Fernunterricht zugelassen, wenn sich die Beteiligten einig sind, der digitale Unterricht gut funktioniert, die hygienischen Verhältnisse schwierig sind und wenn das Schulforum zustimmt.

-    Im Falle von Präsenzunterricht werden Lehrkräfte, die aufgrund besonderer Gesundheitsrisiken nicht vor der Klasse unterrichten können, für den Fernunterricht ebenfalls freigestellter Schülerinnen und Schüler eingesetzt.

Übertritt

Viele Eltern machen sich Sorgen, weil die zunächst angekündigte Möglichkeit, mittels dreier freiwilliger Proben die Übertrittsnoten zu verbessern, nun entfallen ist. Wir erinnern daher an Ihre Zusage, dass kein Kind wegen der Coronakrise ins Hintertreffen geraten soll. Konkret gehen wir davon aus und

fordern,

-    dass die Verbesserung, die mittels der drei freiwilligen Tests rechnerisch möglich gewesen wäre, nun in die Übertrittsnote einfließt und dass die Übertrittsempfehlung unter Einbeziehung des Elternwillens wohlwollend ausfällt.

Vorrücken

Der BEV fordert:

-    Alle Schülerinnen und Schüler können auf Wunsch der Erziehungsberechtigten auf Probe vorrücken.

Flüchtlingskinder und benachteiligte Kinder

Die Situation in Flüchtlingsunterkünften ist äußerst unbefriedigend. Dass hier, im sprachlich und kulturell nicht deutschen Umfeld, die Kinder derzeit völlig den Anschluss an das Lernen verlieren, muss wohl nicht eigens erläutert werden. Es fehlt auch an digitaler Ausstattung, um überhaupt am Fernunterricht teilnehmen zu können. Entsprechend muss darauf geachtet werden, dass auch hier die Leihgeräte aus den Schulen ankommen.

Separat werden wir eine Forderung an den Innenminister richten, hier möglichst bald wieder die Unterstützung durch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zu ermöglichen, sowohl beim Lernen als auch bei der Beratung und der Entlastung der Familien. Damit Kinder von Zugewanderten nicht von der Bildung abgehängt werden, bitten wir Sie, dies zu unterstützen. Sie erhalten das Schreiben gesondert.

Besonders bei benachteiligten Kindern ist der intensive persönliche Kontakt zu ihren Lehrkräften unverzichtbar, wenn eine Regression vermieden werden soll! Kinder müssen das Gefühl haben, dass sich die Lehrkraft nicht nur für ihr Lernen, sondern auch dafür interessiert, wie es ihnen persönlich ergeht.

Der BEV fordert,

-    dass alle Lehrkräfte die persönliche Beziehung insbesondere zu diesen Kindern intensiv pflegen.

Digitaler Unterricht und die Rolle der Lehrkräfte

In den drei Wochen vor den Osterferien, hat sich gezeigt, dass guter digitaler Unterricht kein Hexenwerk ist. Ein Gutteil der Lehrkräfte hat hier bereits großartige Arbeit geleistet und sich fachlich wie persönlich sehr engagiert. Ihnen gilt unser Dank!

Sorgen macht uns allerdings derjenige Teil, der sich auf die Verteilung von Arbeitsaufträgen am Anfang der Woche beschränkt und weder Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern aufnimmt noch für Nachfragen zu erreichen ist, geschweige denn persönlichen Fernunterricht abhält. Es kann nicht angehen, dass den Eltern beschieden wird, keine Lehrkraft könne etwa zu Videokonferenzen „gezwungen“ werden. Zwar wurden Schulleitungen auf verschiedene Möglichkeiten einer besseren Art von Unterricht Ihrerseits hingewiesen – etwa durch das Schreiben Hinweise und Standards für das Lernen zuhause 2.0 an der Grundschule, das wir sehr begrüßen. Dennoch bezweifeln wir, ob dies genügt, um unkreative und im Umgang mit elektronischen Medien wenig geschulte Lehrkräfte zu motivieren und wünschen uns mehr Durchsetzung.

Um die Aufgaben zwischen Lehrkräften einerseits und Eltern andererseits besser abzugrenzen, schlagen wir ein Pendant zum Schreiben Hinweise und Standards für das Lernen zuhause 2.0 für Erziehungsberechtigte vor, in dem sehr konkret dargestellt wird, worauf sich jetzt die Aufgabe der Eltern beschränkt. Zwar ist dies im KMS vom 21. April 2020, Corona-Pandemie – Öffnung der Schulen und „Lernen zuhause“ angerissen, dies erscheint uns jedoch nicht detailliert genug. Bei der Erstellung einer solchen Handlungs- und Prioritätsbeschreibung sind wir gerne behilflich.

Zur technischen Unterstützung fordert der BEV:

-    Lehrkräfte, die derzeit nicht viel zu tun haben, aber digital versiert sind, werden jetzt zur Hilfe ihrer weniger versierten Kolleginnen und Kollegen eingesetzt. Vor allem „Digital Natives“ sollen hier viel Unterstützung geben. Ihr Haus verleiht diesem Vorgehen Nachdruck.

Digitaler Musik- und Kunstunterricht

Derzeit spielt sich das Lernen zuhause so gut wie ausschließlich im kognitiven Bereich ab. Bei nicht wenigen Schülerinnen und Schülern und Eltern ist es von Druck und Angst um die Leistung geprägt. Um jetzt auch Entspannung, Abwechslung und Kreativität den nötigen Raum zu geben, halten wir Angebote aus den Fächern Kunst und Musik für notwendig. In diesem Bereich gibt es unzählige gestalterische Möglichkeiten, die online ein- und durchgeführt werden können. Ein positiver Nebeneffekt ergäbe sich auch aus der Entlastung der Eltern-Kind-Beziehung, da für diesen Bereich keinerlei elterliche Hilfe notwendig ist.

Der BEV fordert daher,

-    Berufsverbände und Fachforen intensiv heranzuziehen, damit Fachlehrkräfte mit entsprechenden Ideen und digitalen Anwendungen (Fotokunst, Digitale Kunstvermittlung, Kunst im Internet, Videokunst, Netzkunst, …) vertraut gemacht werden. Links:
- http://forschungsstelle.appmusik.de
- https://kunst-und-unterricht.de
- http://bdkbayern.de
- http://bdkbayern.de/aktuell/aktuell/hilfen-fuer-den-digitalen-unterricht.html


Für Fragen stehen wir gerne zur Verfügung!

Mit freundlichen Grüßen
Martin Löwe, Landesvorsitzender

Text: Henrike Paede