Offener Brief: Konsequenzen aus der Befragung des Bayerischen Elternverbands zur Fernbeschulung

Sehr geehrter Herr Kultusminister Piazolo,

Mitte März mussten die bayerischen Schulen Hals über Kopf wegen der Corona-Pandemie geschlossen und der Unterricht aus der Ferne organisiert werden. Der Bayerische Elternverband hat in einer Umfrage die Erfahrungen von Eltern mit den neuen Unterrichtsverfahren erhoben und Hunderte Blogbeiträge ausgewertet. In diesem Brief präsentieren wir Ihnen die Schlussfolgerungen daraus, so-wohl für den Fall, dass der Fernunterricht fortgesetzt werden muss, als auch für einen Übergang in den bisher gewohnten Unterricht.

Die Ergebnisse spiegeln eine respektable Anzahl guter Erfahrungen, die sich aus der Betrachtung der Zahlen erschließen. Daneben gibt es aber auch einen Anteil von etwa 15 – 20 % an Eltern, für die die Situation äußerst anstrengend bis überfordernd ist. Besonders Haushalte mit mehreren Kindern (vor allem auch kleineren) und Homeoffice, besonders beider Eltern, können nicht den Kindern, der Schule, ihrem Beruf und ihrer eigenen Gesundheit gerecht werden. Dabei muss die anteilig nur geringe Beteiligung aus der Mittelschule (nur 108 oder 3,5 % am 12.4.) ins Auge gefasst werden. Insbesondere hier muss man von einer beachtlichen Dunkelziffer an Problemen bei bildungsfernen, sozial schwachen und nicht erreichbaren Familien ausgehen.

Im Wesentlichen haben wir folgende Problemfelder identifizieren können:

Medien und Datenschutz

Durch die schlagartige Umstellung auf Unterricht über elektronische Medien hat sich eine Reihe von Problemen ergeben, die der Nachsteuerung bedürfen.

·      Mangels auf dem Schulserver eingerichteter eigener Tools wird auf fragwürdige Medien, wie z. B. WhatsApp, zurückgegriffen. Das gleiche gilt für Videokonferenzen, die z. T. wegen unklarer Kosten vorsorglich nach 30 Minuten abgebrochen werden - Wir bitten Sie, den Schulen eine Positivliste datenschutzrechtlich unbedenklicher und kostenfreier Medien zu übermitteln. Wir plädieren für auf dem eigenen Schulserver installierte Instrumente.

·      Nicht selten beschränkt sich die Nutzung elektronischer Medien auf die Versendung von Arbeitsmaterial, während die Möglichkeiten interaktiven Unterrichts, der Onlinebearbeitung von Arbeitsbögen und dergleichen nur wenig genutzt werden. Hier bitten wir, auf eine Erweiterung des Repertoires zu dringen!

·      Die Möglichkeit, den Lehrkräften dienstliche Mailadressen über den Schulserver einzurichten, wird zu selten genutzt. Entsprechend erschweren sich die jetzt dringend notwendigen Kontakte zwischen Schülern und Eltern auf der einen und Lehrkräften auf der anderen Seite. Dass dienstliche E-Mail-Adressen in einer Behörde - und eine solche ist eine Schule - nicht unter den Datenschutz fallen, sollte sich von selbst verstehen, scheint aber nicht genügend bekannt zu sein. – Wir bitten um Klarstellung.

·      Insbesondere Familien mit mehreren Schulkindern bereitet es Probleme, dass sogar innerhalb einer Schule jede Lehrkraft ein anderes System zur Übermittlung bzw. Hinterlegung von Arbeitsmaterial verwendet. Dies zusammenzusuchen und zu überblicken, raubt den Eltern täglich Stunden. – Bitte dringen Sie darauf, dass jede Schule nur ein einziges für sie passendes System verwendet!

·      Es gibt Schüler, die weder Laptop noch Tablet noch Smartphone besitzen und Familien, die jetzt wegen des gleichzeitigen Homeoffice der Eltern mehr Geräte benötigen. – Der BEV fordert, dass ihnen, wie in Rheinland-Pfalz[1] (vgl. elektronischer Brief des Ministeriums für Bildung vom 9. April 2020), unbürokratisch und sofort ein Leihgerät zur Verfügung gestellt wird - z. B. eines der derzeit ungenutzten Geräte aus den Schulen. Lehrkräfte sollen den Bedarf feststellen.

Lehrer bleiben Lehrer - künftige Ausgestaltung des Fernunterrichts

52 % der Kinder benötigten Hilfe bei der Strukturierung des Lernens, 24 % teilweise (F310 im Fragebogen). Viele Eltern sind überfordert mit dem Zusammentreffen von Betreuung mehrerer Kinder, Homeoffice und Fernbeschulung (vgl. F502: ca. 55 % „viel Aufwand“ bis „unmöglich“). Es kommt dadurch zu Streit und Stress in den Familien, Eltern werden für die Kinder zu ständig unzufriedenen „Antreibern“ in Sachen Schule.

Die Rolle der Eltern darf sich nur darauf beschränken, das Lernen zuhause strukturell zu unterstützen, nicht jedoch, die Lehrkräfte zu ersetzen. Zumal in Zeiten von Pflichtunterricht sind sie nach wie vor nicht zuständig für die Strukturierung und das Vermitteln neuen Stoffs, dies obliegt kraft Amtes auch im Fernunterricht den Lehrkräften. Dasselbe gilt für Korrekturen, die derzeit oft den Eltern überlassen werden oder gar nicht erfolgen (Frage F304: In ca. 40 % verlangt die Lehrkraft offenbar keine Rückübermittlung der Unterlagen!).

 

Der BEV fordert daher:

-    Der Unterricht und das Material richten sich jetzt wegen der unterschiedlichen häuslichen Bedingungen und der unterschiedlichen Selbstständigkeit der Schüler sehr individuell am Stand des einzelnen Kindes aus.

-    Soweit Ergebnisse bewertet werden, ist jetzt anstelle des Vergleichs mit der ganzen Gruppe der individuelle Fortschritt maßgeblich.

-    Es findet regelmäßiger Unterricht per Videokonferenz statt, am besten zur planmäßigen Unterrichtszeit oder 2- bis 3-mal pro Woche.

-    Lehrkräfte stellen genügend und geeignete Lehrvideos bereit, ohne dass Eltern oder Schüler sie selbst suchen oder Eltern den Stoff erklären müssen.

-    Ältere Schüler bekommen mehr Arbeitsaufträge, die direkt online gemacht werden können, ohne dass ausgedruckt und wieder gescannt werden muss.

-    Lehrkräfte fragen regelmäßig bei Eltern und Schülern ab, wie viele Stunden sie für die Arbeitsaufträge benötigt haben, und passen das Pensum an.

-    Nicht die Eltern anhand von Lösungsblättern, sondern die Lehrkräfte korrigieren das bearbeitete Material. Sie geben den Schülern Rückmeldungen.

-    Lehrkräfte übermitteln Arbeitsmaterial gut vorstrukturiert, damit die Eltern keine Lernpläne erstellen müssen. (Was ist wann zu tun? Tages- und/oder Wochenplan). Wer die Einhaltung des Plans nicht schafft, bekommt individuelle Unterstützung von der Lehrkraft.

-    Schüler, die keinen Drucker haben, bekommen das Unterrichtsmaterial z. B. per Post zugesandt, Portokosten werden aus dem nicht ausgeschöpften Kopiergeld bestritten.

Der Kontakt zu den Lehrkräften

Kommunikativ wie pädagogisch vollkommen unbefriedigend ist, dass 37 % der Teilnehmer der Befragung angeben, die Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schülern bzw. Eltern beschränke sich auf die Übermittlung von Arbeitsblättern (F403). 31 % der Schulen zeigen sich nicht daran interessiert, wie Eltern mit der Situation zurechtkommen, 26 % nur teilweise (F402).

Die Auswertung der Blogbeiträge ergab, dass es an direkten - vor allem mündlichen - Kontaktmöglichkeiten mangelt. Zu viele Lehrkräfte verstecken sich hinter dem Datenschutz und geben weder Telefonnummern noch Mailadressen heraus. Nicht selten muss der Kontakt über die Klassenelternsprecher oder den Elternbeirat hergestellt werden – spätestens in Zeiten der Fernbeschulung lässt sich dies nicht mehr rechtfertigen! Jede Lehrkraft kann sich mit geringem Aufwand und kostenlos eine eigene E-Mail-Adresse nur für den Eltern- und Schülerkontakt einrichten, niemand muss eine private Adresse freigeben (vgl. auch „Datenschutz und Medien“). Noch besser ist eine Dienstadresse auf dem Schulserver. Desgleichen sorgt notfalls eine Prepaid-Handykarte für den ausschließlich dienstlichen Kontakt. Da die Schulen zurzeit Kopierkosten einsparen, regen wir an, den Elternbeirat entscheiden zu lassen, ob dieses Geld hierfür verwendet wird.

 

Der BEV fordert eine Anweisung des Dienstherrn,

-    die technischen Voraussetzungen hierfür wie oben für jede Lehrkraft einzurichten, sinnvollerweise auf dem Schulserver, und

-    dass Klassleitungen mindestens zweimal je Woche, andere Lehrkräfte einmal je Woche zu regelmäßigen festen Sprechzeiten oder zur regelhaften Unterrichtszeit für den direkten Schüler- und Elternkontakt zur Verfügung stehen und ihn suchen.

Benotung

Kinder aus ohnehin benachteiligten Familien kommen derzeit verstärkt ins Hintertreffen. Ihre Eltern können sie nicht beim Lernen unterstützen und es fehlt ihnen nicht selten an der technischen Ausstattung. Ihnen darf durch die Fernbeschulung keine zusätzliche Benachteiligung entstehen!

Der BEV fordert:

-    Außer in den Abschlussklassen werden in diesem Schuljahr keine Noten mehr erhoben. Die Leistung wird individuell überprüft und an individuellen Fortschritten gemessen.

-    Keinem Kind wird wegen Problemen, die während der ungewohnten Fernbeschulung entstandenen sind, das Vorrücken verwehrt.

Übergang in den „normalen“ Unterricht

Nach der Öffnung der Schulen für den normalen Unterricht muss ein Übergang geschaffen werden, der zunächst die Zeit der Isolation aufarbeitet und dann einen Übergang in den gewohnten Lernalltag herstellt.

Der BEV empfiehlt ein Vorgehen wie folgt:

-    Durch unbenotete Tests wird zunächst der individuelle Leistungsstand jedes einzelnen Kindes festgestellt.

-    Ist die Klasse auf dem gleichen Stand, wird im Stoff weiter gegangen, auch dann, wenn während der Zeit des Fernunterrichts neuer Stoff behandelt wurde.

-    Haben nur wenige Schüler den während des Fernunterrichts neu eingeführten Stoff verstanden, werden diese mit sinnvollen Projekten oder Vertiefung beschäftigt, in Arbeitsgruppen, auch jahrgangsübergreifend, bis der Rest der Klasse auch auf dem Stand ist. Schüler, die voraus sind, können schlechteren Schülern helfen, den Stoff zu verstehen und zu üben.

-    Sind wenige Schüler hinter den meisten anderen im Stoff hinterher, bekommen sie „Aufholunterricht“, auch z. B. zusammen mit Schülern von Parallelklassen.

-    Erst wenn alle Schüler wieder „auf Kurs“ sind, werden benotete Tests geschrieben.

-    Der Lehrplan wird in dieser Situation nur als Orientierungshilfe betrachtet. Verzögerungen, Verschiebungen ins kommende Schuljahr und Kürzungen werden in Kauf genommen und nach und nach kompensiert. Die Lehrer sind angehalten, den für jedes Kind individuell möglichen Lernfortschritt zu bewirken.

 

Für Fragen stehen wir gerne zur Verfügung!

Mit freundlichen Grüßen

Martin Löwe, Landesvorsitzender