Stellungnahme zum LehrplanPLUS für Förderschulen mit dem FSP geistige Entwicklung

Stellungnahme des Bayerischen Elternverbands zum LehrplanPLUS für Förderschulen mit dem FSP geistige Entwicklung vom 4. April 2019

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir danken für die Möglichkeit, zum LehrplanPLUS für die Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung Stellung nehmen zu können.

Sehr positiv möchten wir hervorheben, dass sein Ansatz von Respekt und Selbstbestimmung, von Ganzheitlichkeit und Individualität auf der Höhe der Zeit ist. Das gleiche gilt für den partnerschaftlichen Ansatz, der neben den Lehrkräften die Erziehungsberechtigten ebenso einbeziehen will wie Fachkräfte eines interdisziplinären Teams und anderer Bildungseinrichtungen.

Einen Einwand möchten wir dennoch vorbringen und schicken gleich voraus, dass uns bewusst ist, dass der Konflikt zwischen dem individuellen Ansatz und unserer Forderung nach einer stärkeren Pflicht nicht leicht in den Griff zu bekommen sein wird:

Die von Eltern zu häufig beklagte Praxis ist bisher, dass ihre Kinder an Förderschulen mit dem FSP geistige Entwicklung zu wenig in den Kulturtechniken gefördert werden. Nicht wenige Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung lernten zwar etwas Lesen, Schreiben und Rechnen, auch von ihren Geschwistern, wurden jedoch in der Förderschule jedes Schuljahr auf Neue wieder mit der gesamten Klasse im Zahlenraum von 1 und  5 unterrichtet. Etwas schnellere Kinder langweilten sich – mit den bekannten Folgen -  und wurden so regelrecht gebremst. So halten wir für problematisch, dass auch der neue Lehrplan mit einer Pflicht in Sachen Kulturtechniken sehr vage bleibt:

Schulstufen, Mittelschule
… Die Lehrkräfte achten darauf, dass die für das Erlernen schriftsprachlicher und mathematischer Fähigkeiten aufgewendete Lernzeit in einem angemessenen Verhältnis zum Nutzen für die zukünftige Lebensgestaltung der Schülerinnen und Schüler steht.


Der Nutzen von Kulturtechniken für jedes(!) Individuum darf keinerlei Ermessen unterliegen, er ist stets sehr hoch und liegt für Menschen mit Beeinträchtigungen nicht zuletzt in einer größeren Teilhabe. Es ist höchst problematisch, wenn nicht sogar menschrechtsverletzend, ihn im Vorgriff auf die erwartete Entwicklung eines Kindes zu bewerten, denn dies führte auch schon in der Vergangenheit zu Fehleinschätzungen und zum voreiligen Entzug von Chancen. Kulturtechniken bedürfen dringend einer stärkeren Gewichtung im Lehrplan!

Auch an anderen Stellen, z. B. in „6 Arbeiten mit dem LP“ werden Möglichkeiten gezeigt, Kompetenzanforderungen zu umgehen:

„Es ist nicht erforderlich, dass sich die einzelne Schülerin bzw. der einzelne Schüler mit jeder der individuellen kompetenzorientierten Lernaktivitäten oder entwicklungsbezogenen Kompetenzen eines Faches auseinandersetzt …
Der wenig später zwar folgende Passus, es sei „… jedoch verbindlich darauf zu achten, dass Schülerinnen und Schülern im Verlauf ihrer gesamten Schulbesuchszeit die Möglichkeit gegeben wird, sich mit verschiedenen individuellen kompetenzorientierten Lernaktivitäten aus allen Fächern auseinanderzusetzen.“  wirkt danach kaum noch wie ein Reparaturversuch für die weiter oben zahlreich(!) ausgeführten Auswege aus dieser Pflicht.  

Bezogen auf Kulturtechniken wünschen wir uns daher vom neuen Lehrplan eine weitaus stärkere Betonung der jetzt allzu leicht umgehbaren Pflicht zu deren Vermittlung. Er bietet die Chance, dieses seit langem bestehende und zu Diskriminierung führende Problem zu lösen, was wir dringend anraten und fordern.

Mit freundlichen Grüßen
Henrike Paede, stellv. Landesvorsitzende
Bayerischer Elternverband e. V.