scoyo-Expertenbefragung - Thema: Lernförderung

Landesvorsitzender Martin Löwe im Interview mit dem scoyo-Elternmagazin


scoyo
: In einer forsa-Umfrage unter Eltern antwortete jeder Vierte, dass sein Kind in der Schule weniger gut oder überhaupt nicht individuell gefördert wird. Was können Eltern konkret unternehmen, wenn sie das Gefühl haben, ihr Kind werde nicht optimal gefördert?

Löwe: Hinsichtlich des schulischen Lernerfolgs wenden sich viele Eltern an außerschulische, private Organisationen, die entsprechende Förderangebote machen. Wir raten von diesem Weg ab, da hier der Geldbeutel der Eltern über den Bildungserfolg der Kinder entscheidet. Wir möchten stattdessen Eltern ermutigen, die Unterrichtsgestaltung der Schule kritisch zu hinterfragen und ggf. anzuregen, neue Lernformen in der Schule einzuführen. Es gibt zahlreiche Beispiele für innovative Schulen, die Erfolge aufweisen können, in Bayern z. B. das Albrecht-Ernst-Gymnasium Oettingen.

Förderung verstehen wir jedoch weit gefasster als nur auf den schulischen Lernerfolg bezogen. Zur Förderung zählt auch das Entdecken und Fördern von Begabungen, die außerhalb des Lehrplans liegen, denn in Kindern schlummern eine Unzahl von Begabungen, die das Schulsystem nicht für die Gesellschaft nutzbar zu machen in der Lage ist. Eltern selbst können die Begabungen ihrer Kinder erkennen, wenn sie sich Zeit nehmen und sich mit ihnen beschäftigen – je früher, desto besser. Für die Förderung der erkannten Begabungen gibt es z. B. die klassischen Angebote von Sportvereinen oder Musikschulen.

Vor allem möchten wir jedoch Eltern dazu ermutigen, an ihrer Schule Angebote, die Kindern in vielfältiger Weise Chancen auf die Entdeckung und Förderung von Begabungen bieten, für alle Kinder zu initiieren und ggf. selbst zu realisieren. Solche Angebote können von der Theater-AG über sportliche, musische, sprach- oder begabtenfördernde Angebote bis hin zur Bastel- oder MINT-AG reichen. Eltern, die sich so etwas wünschen, sollten sich an die Elternvertretung ihrer Schule wenden. Diese kann in konstruktiver Zusammenarbeit mit Schulleitung und regionalen Organisationen oder Fachleuten Projekte initiieren und umsetzen. Für die Finanzierung solcher Projekte gibt es oftmals kommunale Förderprojekte oder Sponsoren.

Zudem möchten wir Eltern dazu ermutigen, sich nicht mit der Situation abzufinden, dass Schule kaum in der Lage ist, individuell zu fördern. Das staatliche Schulsystem hat diese Aufgabe und muss sie auch erfüllen können. Eltern sollten ihre Stimme in Richtung der Politik deutlich erheben. Ein konzertiertes Vorgehen hierbei über die Elternvertretungen - bzw. dort, wo es solche auf Landesebene nicht gibt, wie z. B. in Bayern, über die Elternverbände - ist der effektivste Weg für Veränderungen.

scoyo: 86 Prozent der Eltern von Schülerinnen und Schülern mit sehr guten Noten würden zusätzliche Lernangebote in Anspruch nehmen. Die drei Hauptgründe dafür sind: Fähigkeiten zu fördern, die in der Schule zu kurz kommen, das Mitkommen sicherzustellen und Noten zu verbessern. Wie bewerten Sie diese Aussagen, also wann ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, ein Kind weitergehend zu fördern? Und wann überschreiten Eltern die Grenze zum Förderwahn?

Löwe: Fähigkeiten zu fördern, die in der Schule zu kurz kommen, ist wie bereits dargelegt sehr sinnvoll, solange das Kind dadurch nicht überfordert wird.

Der Sinn einer Förderung allein mit dem Ziel, das Mitkommen in der Schule sicherzustellen oder Noten zu verbessern, sollte kritisch hinterfragt werden. Bei ohnehin guten Schülern kann diese zusätzliche Förderung dazu führen, dass der Spaß am Lernen verloren geht, weil andere Interessen zu kurz kommen. Bei weniger guten Schülern kann eine Förderung sinnvoll sein, allerdings sollte zuerst hinterfragt werden, warum die schulischen Leistungen nicht den Erwartungen entsprechen. Meist ist die Ursache für schlechte Noten nicht die Leistungsfähigkeit des Kindes, sondern vielmehr die verloren gegangene Lust am Lernen.

Kinder müssen Kinder sein dürfen, sie brauchen Zeit für sich und haben das Recht, Fehler machen zu dürfen, denn nur so lernen sie und haben vor allem Spaß am Lernen. Eltern, die ihre Kinder zusätzlich fördern möchten, sollten sich immer an den Bedürfnissen des Kindes orientieren und nicht an ihren eigenen Erwartungen. Wird dieses außer Acht gelassen, dann kann gut gemeinte Förderung schnell zum Förderwahn ausarten.

scoyo: Immer wieder taucht der Begriff „Nachhilfe“ auf, wenn es darum geht, Kinder begleitend zur Schule zu fördern – auch bei guten Schülern. Wann greift Ihrer Meinung nach das Konzept der Nachhilfe? Wo greift es nicht mehr? Und welche Alternativen wären geeignet?

Löwe: Eine Schule, in der alle Kinder zur gleichen Zeit das Gleiche lernen und Gelerntes abrufen können müssen, wird der Individualität der Kinder nicht gerecht. Jedes Kind hat ein eigenes Lerntempo. Wird nun versucht, dieses Lerntempo durch ‚Nachhilfe’ zu steigern, arbeitet man gegen das natürliche Lerntempo des Kindes. Hieraus entsteht in vielen Fällen eine Überforderung des Kindes und daraus ein Lernverdruss. Die ‚Nachhilfe’ wird hierbei den gewünschten Erfolg nicht bewirken können.

Bei Kindern, die den Anforderungen der Schulart nicht gewachsen sind, entsteht eine chronische Überforderung. Die fehlenden Erfolgserlebnisse führen zu einer Lernunlust oder sogar zu Lernverweigerung. Hier kann ‚Nachhilfe’ nicht weiterhelfen. Oft entsteht diese Situation, weil Eltern für ihr Kind das vermeintlich Beste wollen, jedoch dabei die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes außer Acht lassen. Ein Wechsel auf eine für das Kind passende Schulart ist hier die beste Lösung.

In Fällen, wo eine Lehrperson Zusammenhänge oder Lernstoff für das Kind unzureichend vermittelt, kann ‚Nachhilfe’ als Erklärung oder Vertiefung zeitlich begrenzt sinnvoll sein.

In jedem Fall sollte eine Erfolg versprechende ‚Nachhilfe’ in ihrem Konzept das Lernen lernen einschließen sowie dem Kind Erfolg und damit Spaß am Lernen vermitteln. Entscheidend für eine gute Nachhilfe ist also nicht, dass Inhalte, sondern vielmehr Techniken des Lernens vermittelt werden. Eine erfolgreiche ‚Nachhilfe’ zeichnet sich zudem stets dadurch aus, dass sie von begrenzter Dauer ist.

Bevor Eltern zur ‚Nachhilfe’ schreiten, raten wir dringend dazu, zunächst das Gespräch mit der betroffenen Lehrkraft zu suchen. Sie ist die pädagogische Fachkraft. Idealerweise findet ein solches Gespräch unter Einbezug des Kindes statt. Hierbei lässt sich am besten ausloten, wo das Problem liegt und welcher Weg für das Kind der beste ist.

scoyo: Die Nachfrage von Eltern nach außerschulischen Angeboten der Förderung ihrer Kinder wächst ständig, wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Löwe: Außerschulische Förderung und ‚Nachhilfe’ ist mittlerweile ein großes Geschäft mit dem sehr viel Geld umgesetzt wird. Nicht alle Anbieter sind seriös. So wird z. B. Werbung gemacht, bei der psychologischer Druck auf Eltern ausgeübt wird, indem sie dazu aufgefordert werden, ihr Kind kritisch mit anderen Kindern hinsichtlich der Leistungsfähigkeit zu vergleichen, oder es werden Ängste vor möglichen zukünftigen Versäumnissen oder Fehlentwicklungen des Kindes geschürt. Schulen unterbinden für uns leider zu wenig entschlossen, dass diese Werbung mittlerweile auf Klassenelternabenden oder Elternbeiratssitzungen stattfindet. Gerade deshalb ist ein Gespräch mit der Lehrkraft oder Beratungslehrkraft besonders wichtig, kann man hier doch eine unabhängige Beratung erwarten.

Aber Vorsicht: Uns sind Fälle bekannt, wo Lehrkräfte offensichtlich aus Bequemlichkeit Eltern beim kleinsten Anlass ‚Nachhilfe’ für das Kind ans Herz legen.

Und der Gipfel sind Schulen, die komplette Unterrichtseinheiten von so genannten ‚externen Fachkräften’ (Nachhilfeinstituten) für die Eltern kostenpflichtig abhalten lassen, an deren Ende den Eltern eine Vertiefung des Stoffs an den Instituten als für das Kind gewinnbringend dringend empfohlen wird. Durch diese Entwicklung wird das Bildungswesen kommerzialisiert, die Kontrolle des Staates stückweise ausgehöhlt, das Kind zur Ware und die Bildungsgerechtigkeit begraben.