Offener Brief der bayerischen Elternverbände an Ministerpräsident Dr. Markus Söder

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Söder,

der Schulgipfel vom 4. November 2020 hätte eigentlich Sicherheit und wenigstens mittelfristige Planbarkeit bringen sollen, um die Schulfamilie gut durch die Pandemie zu begleiten. Davon konnte jedoch keine Rede sein. Eltern und Schulen werden weiterhin sich selbst überlassen. Wie angesichts eines ausgebliebenen Ergebnisses die Einigkeit der Gipfelteilnehmer gegenüber der Presse verkündet werden konnte, ist den unterzeichnenden Elternverbänden ein Rätsel.

Die Schulen in Bayern brauchen klare Regeln und Ansagen, um gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern und deren Eltern die nächsten Wochen und Monate gut zu bewältigen. Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit dürfen weder von den Eltern abhängen noch davon, wie motiviert, empathisch und fähig die einzelnen Lehrer oder Lehrerinnen vor Ort sind. Gleiches gilt für die jeweiligen Schulleitungen. Deshalb wenden wir uns heute hilfesuchend an Sie. Bitte nehmen Sie die Sorgen der Eltern ernst und beenden Sie durch eindeutige Anweisungen sofort und unmissverständlich sämtliche Unsicherheiten. Wir bitten Sie dringend, sich der folgenden Forderungen persönlich anzunehmen.

1. Kommunikation und Transparenz

Neue Regelungen, die den Schulbetrieb betreffen - wie die Aussetzung des 3-Stufenplans zu Schuljahresbeginn - werden den Eltern unverzüglich, direkt und in einfacher und konkreter Sprache mitgeteilt.

Die Verständlichkeit von Informationen bei Lehrkräften und Eltern wird verbessert, indem kultusministerielle Schreiben künftig eine Zusammenfassung oder Kurzfassung enthalten. Sie werden kurz, bündig und übersichtlich gehalten. Empfehlungen und Anregungen werden von Anweisungen deutlich abgegrenzt.

Die regelmäßige Kommunikation innerhalb der Schulgemeinschaften wird in der Pandemie zum Normalfall, so z. B. als regelmäßige Videokonferenzen mit Lehrkräften, Schulleitung und Eltern(vertretungen). Insbesondere wirkt jetzt der Elternbeirat an allen Entscheidungen zum Schulbetrieb mit.

2. Lehrplan, Prüfungen, Übertritt, Brückenangebote

Der Unterricht wird verbindlich auf den Kern des Lehrplans reduziert, Grundkompetenzen und unverzichtbare Basisinhalte werden priorisiert. Als Arbeitshilfe für Lehrkräfte wird dies im Lehrplan markiert, evtl. in drei Prioritätsstufen.

Basiswissen und Basiskompetenzen werden verstärkt fächerübergreifend vermittelt.

Die Übertrittsempfehlung erfolgt nach einer individuellen Beurteilung.

Klassenwiederholungen in der Pandemiezeit werden den Schülerinnen und Schülern nicht als solche angerechnet.

Die angekündigte Unterstützung von Kindern, die im Frühjahr und Sommer einen Rückstand gegenüber ihrer Klasse erlitten haben, wird unverzüglich an allen Schulen aufgenommen. Dies kann bei Personalengpässen online geschehen, innerhalb des Schulverbunds sowie schul- und klassenübergreifend. Die Planung erfolgt über Schulämter und MB-Dienststellen.

Den Lehrkräften wird all dies als konkrete und eindeutige Anweisung übermittelt.

3. Distanzunterricht

Ab sofort bekommen auch einzelne Schülerinnen und Schüler, die sich in Quarantäne befinden, den ihnen zustehenden Distanzunterricht. Ein Verweis auf fehlende Kräfte ist inakzeptabel! Sie werden ressourcenneutral dem Präsenzunterricht per Livestream zugeschaltet. Der Unterricht für diese Schülerinnen und Schüler kann auch klassen- und schulübergreifend zusammengefasst werden.

Es wird die Möglichkeit geschaffen, dass geeignete Schülerinnen und Schüler freiwillig und dauerhaft überwiegend im Distanzunterricht beschult werden. Dies geschieht in Abstimmung von Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern. Letztere werden ressourcenneutral dem Präsenzunterricht per Livestream zugeschaltet. - Bei drohender Überlastung der Netzbandbreite durch mehrere parallele Videokonferenzen innerhalb einer Schule werden die „Distanzschülerinnen“ und -schüler klassenübergreifend oder sogar schulübergreifend gemeinsam unterrichtet. – Freiwilliger Distanzunterricht entlastet die hygienische Situation im Klassenraum und nimmt vielen Eltern die Sorgen vor Ansteckungen.

Die pandemiebedingt derzeit schwierigen Bedingungen für die Bildung werden durch Datenschutz nicht zusätzlich eingeschränkt.

Programme wie Connected Classroom und die entsprechende Hardware kommen zur Anwendung.

Die Schulträger stellen unverzüglich notwendige Hardware sowie die notwendigen Bandbreiten zur Verfügung. Um weitere Verzögerungen durch komplizierte Beschaffungsverfahren hierbei zu vermeiden, müssen Hard- und Software über einen Sonderfonds direkt vom Ministerium angemietet und nach kurzer Bedarfsprüfung an die Schulen im Leihverfahren zugeteilt werden.

Zur verlässlichen Planung wird Wechselunterricht zwischen Präsenz- und Distanzunterricht dauerhaft in höheren Jahrgangsstufen eingesetzt, um Abstände einhalten und Ansteckungsrisiken minimieren zu können.

4. Schülerbeförderung

Es werden mehr Busfahrten durchgeführt. Bürokratische Hindernisse für zusätzliche Busse werden beseitigt. z. B. können Aufträge für Verstärkerbusse ohne Ausschreibungen vergeben werden!

Zur Vermeidung voller Busse versetzen die Schulen den Unterrichtsbeginn planvoll zueinander. Die einzelne Schule versetzt den Beginn des Unterrichts verschiedener Klassen zueinander. Somit können dort, wo wenig Busse und Fahrer verfügbar sind, mehrere Fahrten nacheinander stattfinden. Dies erfolgt in Koordination der zuständigen Kommune und in Abstimmung mit den Elternvertretern vor Ort.


Für weitere Ausführungen stehen wir gerne zur Verfügung.

Es grüßen freundlich
Die bayerischen Elternverbände


Bayerischer Elternverband e. V.
Landesvorsitzender Martin Löwe

Freie Elternvereinigung in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern e. V.
1. Vorsitzender Helmut Wöckel

Katholische Elternschaft Deutschlands
Landesvorsitzender Stephan Hager

Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern e. V.
Landesvorsitzende Susanne Arndt

Landeselternverband Bayerischer Realschulen e. V.
Landesvorsitzende Andrea Nüßlein

Landeselternvereinigung der Fachoberschulen Bayerns e. V.
1. Vorsitzende Angelika Himmelstoss

Landeselternvereinigung der Wirtschaftsschulen in Bayern e. V.
2. Vorsitzender Dr. Peter Ruderich